Selbst die besten Übersetzerinnen und Übersetzer machen Fehler. Ein vertauschter Buchstabe, eine übersehene Verneinung, ein Fachbegriff, der im zweiten Kapitel plötzlich anders übersetzt wird als im ersten. Das liegt nicht an mangelnder Kompetenz, sondern an einer einfachen Tatsache: Wer einen Text selbst geschrieben hat, liest über die eigenen Fehler hinweg.
Deshalb arbeiten professionelle Sprachdienstleister nach dem Vier-Augen-Prinzip. Eine zweite Fachperson prüft jede Übersetzung, bevor sie beim Kunden ankommt. Dieser Schritt heisst Lektorat oder Revision, und er ist weit mehr als eine Formalität.
Lektorat, Korrektorat, Revision, was ist der Unterschied
Die Begriffe werden oft durcheinandergeworfen, meinen aber Unterschiedliches. Das Korrektorat konzentriert sich auf Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung und Tippfehler. Das Lektorat geht weiter und verbessert Stil, Verständlichkeit, Satzbau und Lesefluss. Wie vielfältig diese Arbeit ist, zeigt der Beitrag zum Lektorat.
Bei Übersetzungen spricht man zusätzlich von Revision. Dabei vergleicht ein zweiter Übersetzer den Zieltext Satz für Satz mit dem Original. Er prüft, ob alles vollständig und richtig übertragen wurde, ob Fachbegriffe stimmen und ob der Ton zum Zweck des Textes passt. Die internationale Norm für Übersetzungsdienstleistungen schreibt diesen Schritt als festen Bestandteil des Prozesses vor.
Was ein zweiter Blick findet
In der Praxis entdecken Revisoren vor allem diese Fehlerarten:
- Auslassungen, bei denen ein Halbsatz oder eine ganze Aufzählung fehlt.
- Sinnfehler durch missverstandene Satzkonstruktionen im Ausgangstext.
- Uneinheitliche Terminologie innerhalb eines Dokuments.
- Zahlen, Daten und Masseinheiten, die falsch übernommen wurden.
- Stilbrüche, etwa wenn plötzlich vom Sie zum Du gewechselt wird.
- Formatierungsprobleme wie verschobene Tabellen oder fehlende Fussnoten.
Jeder dieser Fehler kann einzeln harmlos wirken. In einem Vertrag, einer Gebrauchsanweisung oder einer Produktseite können sie jedoch teure Folgen haben.
Maschinelle Übersetzung macht das Lektorat noch wichtiger
Mit dem Siegeszug neuronaler Übersetzungssysteme hat sich die Rolle des Lektorats verändert. Maschinen produzieren flüssige, gut lesbare Texte. Gerade deshalb fallen ihre Fehler weniger auf. Ein Satz kann grammatisch perfekt klingen und trotzdem das Gegenteil des Originals behaupten.
Wer maschinelle Übersetzungen nutzt, braucht deshalb eine sorgfältige Nachbearbeitung durch Menschen, die beide Sprachen und das Fachgebiet beherrschen. Ohne diesen Schritt ist das Risiko hoch, dass Fehler unbemerkt veröffentlicht werden.
Wann ein Lektorat unverzichtbar ist
Nicht jeder Text braucht denselben Aufwand. Eine interne E-Mail zur Information muss nicht durch drei Hände gehen. Bei bestimmten Textsorten sollte man aber nie auf die zweite Prüfung verzichten. Dazu gehören alle Texte, die veröffentlicht werden, etwa Websites, Broschüren und Pressemitteilungen. Ebenso rechtlich verbindliche Dokumente wie Verträge, AGB und Datenschutzerklärungen. Und schliesslich sicherheitsrelevante Inhalte wie Bedienungsanleitungen, Warnhinweise und medizinische Unterlagen.
Je grösser die Reichweite oder die Haftung, desto wichtiger ist der zweite Blick.
Online bestellen, professionell prüfen lassen
Viele Unternehmen und Privatkunden bestellen ihre Übersetzungen heute digital. Seriöse übersetzungsdienste online verbinden die bequeme Bestellung über das Internet mit einem klaren Qualitätsprozess im Hintergrund. Achten Sie bei der Auswahl darauf, ob das Lektorat im Preis enthalten ist oder als Zusatzleistung angeboten wird, und wer es durchführt.
Ein gutes Zeichen ist Transparenz. Anbieter, die erklären, wie ihre Qualitätssicherung funktioniert, welche Qualifikationen ihre Revisoren haben und wie sie mit Rückfragen umgehen, verdienen mehr Vertrauen als solche, die nur mit Geschwindigkeit werben.
Was Kunden selbst beitragen können
Auch Auftraggeber haben Einfluss auf das Ergebnis. Wer einen sauberen, endgültigen Ausgangstext liefert, erspart allen Beteiligten Korrekturschleifen. Hilfreich sind ausserdem Glossare mit bevorzugten Begriffen, Referenzmaterial aus früheren Projekten und ein kurzer Hinweis auf Zielgruppe und Verwendungszweck.
Nach der Lieferung lohnt sich eine interne Durchsicht durch eine fachkundige Person aus dem eigenen Haus. Sie kennt Produktnamen, Abteilungsbezeichnungen und interne Sprachregelungen am besten. Ihre Rückmeldungen fliessen in das Glossar ein und verbessern künftige Aufträge.
Kosten und Nutzen abwägen
Ein Lektorat kostet in der Regel einen Bruchteil der Übersetzung selbst. Gemessen an den möglichen Folgen eines Fehlers ist das eine sehr günstige Versicherung. Ein Druckauftrag, der wegen eines Tippfehlers wiederholt werden muss, oder eine Produktrückrufaktion wegen eines falsch übersetzten Warnhinweises kosten ein Vielfaches.
Hinzu kommt der Imageschaden. Kunden verzeihen vieles, aber fehlerhafte Texte wirken nachlässig. Gerade auf ausländischen Märkten prägt die Qualität der Sprache den ersten Eindruck eines Unternehmens.
Typische Missverständnisse rund um das Lektorat
Manche Kunden gehen davon aus, dass ein Lektorat den Text komplett umschreibt. Das ist nicht der Fall. Ein guter Revisor greift nur dort ein, wo es nötig ist, und respektiert die Entscheidungen des Übersetzers, solange sie fachlich vertretbar sind. Persönliche Vorlieben sind kein Grund für Änderungen. Umgekehrt erwarten andere Kunden, dass ein Lektorat jeden denkbaren Fehler des Ausgangstextes korrigiert. Auch das gehört nicht automatisch dazu. Stösst der Revisor auf Unklarheiten im Original, sollte er sie melden, statt sie stillschweigend zu glätten.
Lektorat bei mehrsprachigen Projekten
Bei Projekten mit vielen Zielsprachen, etwa einer Website in sieben Sprachen, ist ein einheitlicher Prüfprozess besonders wichtig. Jede Sprachversion sollte nach denselben Kriterien geprüft werden, mit denselben Glossaren und Stilvorgaben. Nur so wirken alle Fassungen gleichermassen professionell, und Kunden in Paris erhalten dieselbe Qualität wie Kunden in Warschau oder Mailand.
Qualität ist Teamarbeit
Eine gute Übersetzung entsteht selten durch eine einzelne Person. Sie ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem Übersetzer, Revisoren, Projektmanager und Kunden zusammenarbeiten. Das Lektorat ist dabei der Moment, in dem aus einem guten Entwurf ein Text wird, auf den man sich verlassen kann. Wer diesen Schritt einplant, veröffentlicht entspannter und schläft ruhiger.
